Zwischen Ablenkung und Betäubung


    Mit spitzer Feder …


    (Bild: zVg)

    Kürzlich schreibt Eric Gujer in der NZZ «Wir amüsieren uns zu Tode». Tun wir das? Ja, würde ich sagen. Dabei nehme ich aber keinen Bezug zum Unglück in Crans-Montana. Das war eine Verstrickung unglücklicher Missachtungen von Pflichten und Regeln und hat schliesslich mit Verantwortungslosigkeit, Macht und Gier zu tun – eine andere Geschichte. Aber unser Konsumieren kennt schon lange keine Grenzen mehr. Das Freizeitangebot ist grösser und vielfältiger denn je – Outdooraktivitäten, dreidimensionale Kinoerlebnissen, Events in allen Sparten und Bereichen, Konzerte, Theater und Partys – Feiern ohne Ende bis ins Koma. Das Motto lautet «besser, höher, länger, lauter». Immer noch mehr Glimmer, Glanz, Rausch und Action. Die Konsumenten dringen in die letzten Räume der Exklusivität wie Weltallreisen und physische Perfektion vor und scheinen jegliche Form von Bescheidenheit, Würde, Demut und Verstand abgelegt zu haben. Körper, Psyche, Biografie etc. sollen nicht nur machbar und reparierbar sein. Sie müssen revidierbar sein.

    Diesen Eindruck erhalte ich jedenfalls wenn ich durch die sozialen Medien scrolle, Zeitungen und Magazine lese und an einem Samstagnachmittag Einkaufen gehe. Überall gestresste, gehetzte, übersättigte, müde Menschen. Die Angst, etwas zu verpassen, nicht dabei zu sein bei der grossen Sause, ein Schnäppchen oder die Rabattschlacht zu versäumen, steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Und immer wieder dieser reflexartige Griff zum Smartphone. Heute leben wir in einer Gesellschaft zwischen Ablenkung und Betäubung – eine Spassgesellschaft, die sich selbst nicht mehr fühlt und sich schon längst verloren hat. Wir lassen uns ständig verführen, berieseln und befriedigen und haben immer irgendwelche Wünsche, Gelüste, Verlagen, Begehren bis hin zur Begierde – nonstop. Unser Belohnungssystem des Gehirns, Amygdala und Hippocampus, werden strapaziert bis zur Ektase und wir ertrinken im ausgeschütteten Dopamin.

    Wo führt das hin? In Abhängigkeiten, Einsamkeit, Isolation und ökologische Belastungen, etc. – aber vor allem zu einer Disharmonie von Körper, Geist und Seele – zu Verantwortungslosigkeit, Gier und Macht. Dies alles hängt mit dem vielschichtigen Thema Konsum zusammen. Und auch hier gilt: Das richtige Mass macht es aus. Oftmals frage ich mich: Wo hört der Spass auf und wo fängt die Verantwortung an? Wo hört die Verantwortung auf und wo fängt der Spass an? Warum gibt es für viele Menschen kaum eine Möglichkeit, das eine ohne das andere zu erleben? So wie Entspannung nur auf der Grundlage der Anspannung stattfinden kann, allein muskulär schon: Sympathikus und Parasympathikus brauchen einander.

    Verantwortung ist ein grosses Wort. «Sich der Verantwortung entziehen» ein schwerer Vorwurf. Verantwortung hat meines Erachtens mit Verstand, Ehrlichkeit, Integrität, Anständigkeit und Ehrbarkeit zu tun. Doch leider dünkt mich, haben diese Werte in unserer Gesellschaft nicht mehr einen so grossen Stellenwert, wie ihnen zustehen würde. Denn Verantwortung und Sicherheit sind meines Erachtens nicht verhandelbar. Wir entsorgen mit unserer unverhältnismässigen Spasskultur nach und nach unserer Verantwortung – manchmal ohne es zu realisieren, zu sehr sind wir mit dem nächsten Kick, der nächsten Party, den nächsten Ferien etc. beschäftigt – Hauptsache Action! Und da fragt man sich noch, wieso in dieser krisengeschüttelten Zeit viele gegen ein Gefühl der Erschöpfung ankämpfen.

    Ich meide Konsumtempel, Partys, Bars, Events und grosse Menschenansammlungen bewusst – eigentlich schon immer. Ich umgehe diese sozialen Settings, weil mein System dabei etwas verliert, nicht gewinnt. Lärm, Smalltalks, soziale Masken und Oberflächlichkeiten verbrauchen überproportional viel Energie. Dies ist für mich als hochsensibler Mensch ein Fokusverlust, der für mich «innerlich teuer» wird. Rückzug ist für mich Selbstschutz, Alleinsein reguliert mich, tiefe Gespräche nähren mich, oberflächliche Interaktionen erschöpfen mich. Aber unsere Gesellschaft nennt Rückzug vielmals unsozial. In Wahrheit ist es aber oft intelligent– denn wer seine Energie kennt, wählt Umgebung, nicht aus Angst, sondern aus Klarheit.

    Herzlichst,
    Ihre Corinne Remund
    Verlagsredaktorin

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